Miranda, die Traumfee
Miranda, die Traumfee
Gunnar lag wach in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Er war wütend. Mama schaute mit seinem älteren Bruder Gerrit fern, und er sollte schlafen. Der Film sei nichts für fünfjährige Kinder. Vor Wut rannen ihm Tränen über die Wangen. Sie waren gemein. Und in diesem Moment hasste er sie alle beide.
Doch es war nicht nur Wut, weswegen er weinte. Ohne Gerrit im Zimmer schien es ihm dunkler zu sein als sonst. Die Bäume vor den Fenstern schienen ihre Äste anders als sonst zu bewegen. Irgendwie unheimlicher. Eigentlich ging es ihm gar nicht um den Film. Er wollte nur nicht alleine im Zimmer einschlafen müssen. ,,Maamaa?" Gunnar war nur bis zur Treppe gegangen, weil er nicht sehen wollte, was im Fernseher lief. Womöglich war es so unheimlich, dass er noch mehr Angst bekam. ,,Na, mein Schatz? Was ist los?" Mamas Stimme klang freundlich, aber sie schien genau zu wissen, dass er nur nicht schlafen konnte.
,,Ich hab Durst." ,,Na, dann trink was. Du hast Selter neben Deinem Bett stehen:" ,,Aber ich hab auch das Gefühl, dass ich spucken muss.." ,,Nun, Gunnar, dann sag mir bescheid, wenn es mit dem Spucken losgeht. Und jetzt ab ins Bett!" Es war nix zu machen. Er legte sich ins Bett und zog sich die Bettdecke bis ans Kinn. Dann würde er eben wach bleiben, bis Gerrit ins Bett kommt. Entschlossen hielt er seine Augen weit aufgerissen.
Ein leises Geräusch vor dem Fenster ließ ihn zusammen zucken. Da hat doch jemand gelacht?
Er riss seine Augen noch weiter auf und setzte sich auf. Er konnte nichts hören. Mit klopfendem Herzen stand er auf und schaute hinaus. Was er sah, ließ ihn aufgeregt nach Luft schnappen. In dem Birnenbaum, der an ihrem Haus lehnte, saß etwas. Es sah aus wie eine kleine Frau. Ungefähr so groß wie sein Teddy. Sie hatte ganz lange blonde lockige Haare und die freundlichsten braunen Augen, die er je gesehen hatte. Ihr Kleid glitzerte wie Perlmutt und reichte ihr bis hinunter zu den nackten Füssen. Als sie ihn sah, wäre sie fast vom Baum gefallen.
,,Uaaahhh...ein Kind hat mich gesehen!! Oh nein..wie konnte das nur passieren?" Und dann fing sie an zu weinen. Gunnar vergaß seine Angst völlig, denn so wie sie da in dem Birnenbaum saß und weinte, tat sie ihm sehr leid. Sie schluchzte so laut, dass es eigentlich das ganze Dorf hätte hören müssen. Jeden Moment rechnete er damit, dass Mama die Treppe hochkam. Er öffnete das Fenster, was er eigentlich überhaupt nicht durfte und flüsterte zu diesem merkwürdigen Wesen ,,Könntest du bitte etwas leiser sein? Meine Mama und mein älterer Bruder schauen unten fern. Die kommen sonst gleich hoch." Da lachte sie so laut, dass es in seinen Ohren klingelte. ,,Pahh!! Erwachsene können mich weder hören noch sehen. Wie alt ist dein Bruder?" ,,11.." sagte Gunnar und konnte kaum glauben, was er sah und hörte.. ,,Hmm..nein, nein..der hört und sieht auch nix mehr. Alles, was über 10 ist, kriegt nix mehr von mir mit." Ihr Lachen verstummte. ,,Und die kleinen Kinder, so wie Du, die SOLLEN mich nicht sehen. Du bist das erste Kind, das mich erwischt hat. Wenn das heraus kommt, kriege ich womöglich noch Ärger." Geschickt kletterte sie von dem Birnenbaum aus durch das Fenster zu Gunnar, ließ sich auf die Fensterbank fallen und landete weich in seiner Plüschtiersammlung.
,,Wer bist du denn???" fragte Gunnar vorsichtig. Sie verbeugte sich mit einer eleganten Bewegung vor ihm, hüpfte auf die Lego-Kiste und sprach ,,Ich bin Miranda, die Traumfee, die für Dich zuständig ist." ,,Ff..für mich zuständig? Traumfee?" Gunnar war sprachlos. Die Fee lächelte ihn freundlich an. ,, Du musst wissen, dass kleine Kinder schneller Angst bekommen als große, besonders in der Nacht. Mein Job ist es, Dich vor bösen Träumen zu beschützen und Dir schöne Träume zu schicken." Sie lächelte ihn an. ,,Und was ist mit meinem Bruder?" Miranda lächelte. ,,Oh, Gerrit habe ich auch beschützt, als er kleiner war, doch nun kommt er ohne mich aus. So wie auch Du später ohne mich auskommen wirst." Gunnar wusste nicht so recht, ob er glauben sollte, was er da hörte. ,,Aber ich hatte schon mal böse Träume! Wo warst Du da?" Miranda schaute etwas beschämt zu Boden. ,,Entschuldigung, aber es ist schon mal vorgekommen, dass ich mich etwas vertrödelt habe..." Sie schwiegen beide für einen Moment. Mirandas Augen funkelten als sie von der Lego-Kiste auf seinen Schreibtisch hüpfte. ,,Ich schicke Dir heute Nacht einen besonders schönen Traum. Was meinst du?" Gunnar strahlte. ,,Oh ja..ich möchte von Dinosauriern träumen...aber Du passt auf mich auf, dass mir nichts im Traum passiert, ja?" ,,Aber klar, mein lieber Gunnar. Nur, wenn du träumen willst, musst Du erst schlafen." Sie zwinkerte ihm freundlich zu. ,,Soll ich dir ein wenig Schlafstaub in die Augen streuen? Dann geht's schneller." ,,Au ja!!" Gunnar konnte es nicht erwarten in sein Bett zu kommen. Als er unter seiner Bettdecke lag, kam Miranda und streute ihm mit einer Handbewegung etwas entgegen, das in der Luft glitzerte. Sofort wurde er müde und schlief auch gleich ein. Er fand sich in einem Dschungel wieder. Eine Herde langhalsiger Dinosaurier fraß in aller Ruhe von den Blättern, und er saß ganz oben auf einem Baum und hielt Ausschau nach Raubsauriern.
Als er am Morgen erwachte, war Gerrit schon im Badezimmer. ,,Na Gunni, das fandest Du bestimmt blöd, dass Du den Film nicht sehen durftest, oder? Hast Dich bestimmt im Bett gelangweilt." ,,Nö!" sagte Gunnar vergnügt und aufgeregt zugleich. ,,Ich hab mich gar nicht gelangweilt. Ich hab Dir noch was ganz spannendes zu erzählen. Obwohl.." schloss er etwas skeptisch ,,Obwohl du ja eigentlich schon zu alt dafür bist."




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